Ein perfekter Tag (TFIF Kap. 1)

Der Tag begann für Alexandra wie so viele in letzter Zeit. Sie stand bereits mit zu wenig Schlaf auf, weckte ihre beiden Kids zum Frühstück, schmierte Schulbrote und brachte die beiden zur Bushaltestelle. Zurück zu Hause machte sie sich einen zweiten halben Kaffee – dieses Mal eine Tasse zum Genießen. Sie überflog die Zeitung und machte sich dabei schon einmal gedanklich eine To-Do-Liste für den heutigen Tag. Seufzend legte sie die Schlagzeilen beiseite, da ihr die Müdigkeit die Konzentrationsfähigkeit stahl und kritzelte stattdessen die nun nach Präferenzen geordnete Liste an den Seitenrand.

Die Anforderungen an sich selbst aus dem Kopf, fühlte sie sich gleich viel freier, und genau dies war der richtige Zeitpunkt, um in die Laufklamotten zu schlüpfen und die Schuhe zu schnüren. Der Morgen hatte nichts von seiner Diesigkeit verloren, als Alexandra zum zweiten Mal durch die Tür trat, den kurzen Gartenweg entlang zur Pforte schritt und sich eine ihrer liebsten Laufrouten aussuchte. Nach einem kurzen Aufwärmen startete sie ihre Laufuhr und beschwor das Universum, es ihr zu erlauben, ihre drängenden Gedanken beiseite zu schieben und durch ihre Zeit an der Natur einen freien Kopf zu bekommen.

Ihr Lauf machte sie wach und klarer. Obwohl sie beim Laufen stets Momente von Frieden fand, konnte sie sich ihren unterbewussten Gedanken nicht entwinden. Schon für eine Weile führte sie nun ein Leben als mehr oder weniger alleinerziehende Mutter, und auch, wenn sich die vergangene Trennung im Guten vollzogen hatte, so hatte sie nun jeden Tag von Neuem eine ungewohnte Traurigkeit zu bekämpfen. Henry und Alexandra hatten immer für alle wichtigen Entscheidungen Verantwortung getragen und auch, wenn Henry für immer als Freund und Vater ihrer Kids zu ihrem Leben gehören würde, hatte Alexandra mit dieser Bezugsperson einen großen Teil ihres Wohlbefindens verloren. Ja, sie hatte ein Zugehörigkeitsgefühl und ein Teil ihres Zuhauses verloren.

In letzter Zeit hatte sie das Laufen für sich entdeckt. Dies war eine Zeit in der Natur und nur für sie allein. Der Weg legte sich vor ihren Füßen aus und selbst wenn sie abseits des Schotters joggte, fühlte sich ihre Orientierung an wie vorgesehen. Die Erde unter ihren Schritten war wie ein Angelpunkt, der sie vorwärts trieb und durch ihre Anziehungskraft in Verbindung mit allen Dingen hielt. Nach und nach hatte sie gelernt, ab welcher Distanz bei welcher Geschwindigkeit sich ein Runners‘ High wie von selbst einstellte und dies war es, was sie immer wieder zurück auf den Asphalt und in ihren Wald brachte. Das war es, was sie magnetisch anzog und sie in Verbindung mit ihrem Leben hielt.

Diese Art von Anstrengung tat ihr unglaublich gut. Bereits auf dem Heimweg, spürte Alexandra, wie das Salzwasser ihre erhitzte Haut zu kühlen versuchte. Die von der Sonne erwärmte Luft hatte Dunst und Nebel aus der Umgebung vertrieben. Sie schmeckte das Salz auf den Lippen, bog in ihre Straße ab, wurde langsamer und stoppte ihre Uhr. Noch immer schneller atmend, ging sie die letzten Schritte zum Wohnhaus, streifte die Schuhe von den schmerzenden Füßen und freute sich auf ihre Dusche.

Das Gefühl des prickelnden Wassers noch auf der Haut, zog sie sich an und packte ihre Tasche. Tropfen aus ihrem feuchten Haar, das sie an der Luft trocknen ließ, bahnten sich ihren Weg ihren Nacken hinab. Bald würde der Sommer ihren Kragen trocknen. Beim Gehen bestäubte sie ihren Hals und ihre Handgelenke mit dem neuen Parfum, das sie sich gegönnt hatte, und das sie so sehr liebte, dass es ihr gleich ein Lächeln auf das Gesicht zauberte. Sie schulterte ihre Tasche, steckte ihr Handy und ihren Schlüssel ein und verließ das Haus zum dritten Mal. Sie atmete die Sonne ein und setzte sich die Sonnenbrille, die zuvor ihre Haare zurück gereift hatte, auf die Nase.

Auch sie nahm zuerst den Bus, wie James und Francis am Morgen. Sie fuhr an der Schule ihrer Kinder vorbei, um schon bald in die Underground einzusteigen und Richtung Innenstadt zu fahren. Als sie bei der Tower Bridge wieder an die Oberfläche stieg und ihr der Staub der Stadt entgegenzukommen schien, kam sie wieder zu demselben Schluss wie an so vielen Tagen zuvor. London hatte etwas Besonderes, etwas Einzigartiges, ein paar schlechte Seiten, und doch überwog stets die Liebe zu dieser Stadt. Niemals wollte sie eine andere Stadt ihre Heimat nennen, denn Alexandra verband mit ihr so viele Erinnerungen und Emotionen, die sie in allem bestärkten, was sie war.

Wie als sei es am selben Tag, erinnerte sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag im Volontariat beim Radio und an das Kennenlernen ihrer Kollegen des Restaurants, wo sie sich den restlichen Anteil des benötigten Gehaltes verdiente, um in der Metropole wohnen zu können. Einige Zeit hatte es gedauert, bis sie zur Newsredakteurin aufgestiegen war, ihren Nebenjob aufgeben konnte und nicht zum ersten oder letzten Mal unendlich dankbar für das war, was die Großstadt für sie bereithielt. Sie liebte diesen Job bei der BBC, und seit sie dort fest angestellt war, war auch wieder mehr Zeit für ihre Hobbies und Besuche ihrer Familie und Freunde. Doch auch in London fand sie Freunde, allen voran Alice, Suzanna und natürlich Henry.

In Gedanken an sie versunken, beschritt Alexandra ihren kurzen Weg zu Fuß von der Tower Bridge zu ihrem Arbeitsplatz. Gemischte Gefühle machten sie zur Tagträumerin, bis sie plötzlich hörte, wie jemand ihren vollen Namen rief. Da sie die Stimme dieser Person nicht erkannte, überlegte sie, dass sie wohl jemand aufgrund ihres Berufes erkannt haben musste. Dies kam wirklich selten vor, doch vielleicht war heute einfach einer dieser Tage. Sie drehte sich um und sah eine junge Frau zu ihr eilen.

PATRICIA            Hallo, Alexandra!

ALEXANDRA      Hallo!

Sie kam vor ihr zum Stehen und strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Lachen war ansteckend und Alexandra stellte ungläubig fest, dass sie auch selbst lächelte.

PATRICIA            Tut mir Leid, dass ich dich einfach so aufhalte… ich hoffe, ich störe nicht! Wie geht es dir?

ALEXANDRA      Oh, gut, danke!

Ihr Gegenüber wartete kurz, bevor sie weitersprach. Diese Geste erschien Alexandra schlicht respektvoll. Bevor eine unangenehme Stille entstand, sprach sie weiter, und ihre Gestik und Mimik waren dabei von einem entwaffnenden Charme.

PATRICIA            Ich kenne dich schon eine Weile, und muss unbedingt etwas loswerden. Ich bin auch einfach froh, dass ich dich getroffen habe. Ich wollte nur sagen, dass so, wie ich dich kenne, ich einfach unglaublich stolz auf dich bin. Ich weiß, ich bin nicht in der Position, das jetzt irgendwie zu sagen, aber das ist wirklich so. Ich bewundere dich für das, was du tust und deine Art, wie ich sie kenne!

Alexandra fühlte sich von der warmen Herzlichkeit sehr berührt, so, wie sich eben aufrichtige Komplimente auf das Gemüt legen. Schwer und süß wie Sommerwein.

ALEXANDRA      Ich danke dir!

Einen Moment lächelten sie sich an. Diese Begegnung war anders als die, die Alexandra normalerweise mit Leuten hatte, die sie aus dem Fernsehen kannten. Diese junge Frau gehörte nicht zu denen, die ein Foto oder eine Unterschrift wollten. Sie war tatsächlich an der Begegnung an sich interessiert und Alexandra mochte am meisten diejenigen, die sie fragten, wie es ihr ging.

PATRICIA            Bitte verzeih‘, normalerweise würde ich so etwas nicht tun, aber ich wollte dich fragen, ob ich dich einmal umarmen darf?

ALEXANDRA      Okay!

Zeitgleich kamen sie aufeinander zu und umarmten sich vorbehaltlos. Alexandra runzelte die Stirn; das fühlte sich plötzlich so seltsam und vertraut zugleich an. Die Fremde umarmte sie, als hätte sie sie schon hundert Mal umarmt, wie als seien sie bereits langjährige Freundinnen. Sie hätte es ja nicht wissen können, und doch umarmte sie sie mit einer Gewissheit, wie als hätte sie es darauf angelegt, einen Knoten in Alexandras Brust zu lösen.

Als sie sich voneinander lösten und offen anlächelten, beschlich Alexandra eine leise Wehmut. Das war, wie es sich anfühlte, im Moment zu leben. Die Andere verabschiedete sich und wünschte ihr ehrlich alles Gute. Alexandra erwiderte die Verabschiedung und blieb dennoch sprachlos zurück. Sie wunderte sich über sich selbst, löste sich endlich aus ihrer Bewegungslosigkeit und kehrte auf ihren Weg zum Büro zurück.

Die Begegnung des Vormittags veränderte den restlichen Tag. Ohne es zu wollen fragte sich Alexandra, wie diese Fremde aus dem nichts auftauchen und sie in dieser bestimmten Art und Weise hatte ansprechen können. Es gab einfach solche Momente, die Alexandra gedanklich in ihr Sammelsurium an Positivität einordnen und sich lange daran erfreuen konnte. Zumindest half ihr dies über den Stress des Tages hinweg, den sie stets mit seinen positiven und negativen Seiten betrachtete. Sie brauchte ihn um mit ihrer ganzen Produktivität vor Ort zu sein, nur wenn er überhand nahm und sie ihn nach Feierabend wieder mit nach Hause trug, war er toxisch. Heute jedoch war ihrem Tag die Leichtigkeit verliehen worden, die das Beste in ihr zum Vorschein brachte und ihre Energie bündelte.

Als sie nach Feierabend auf dem Heimweg war, fiel ihr auf, dass sie sich tatsächlich unglaublich entspannt fühlte. Und noch etwas war anders. Es brauchte eine Weile, bis Alexandra darauf kam. Aber dann fiel es ihr irgendwann ein. Sie hatte heute zum ersten Mal nach langer Zeit die Lücke, die Henrys Abwesenheit hinterlassen hatte, nicht als so tief empfunden und weniger daran gedacht.

Als sie zu Hause ankam, begann sie damit, das Abendessen zu kochen und war fast damit fertig, als Henry James und Francis heim brachte. Ihr Arrangement war perfekt; Alexandra begann später mit Arbeiten als er und so konnten die Kids nach der Schule zu Henry, ehe er sie abends zurück brachte. So passten ihre damals für eine Beziehung zu verschiedenen Lebensstile nun perfekt zueinander.

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