Wildtiere

Wildtiere

 

 

Ich bezweifelte, zu wissen, worauf ich mich eingelassen hatte. Es war alles so nebelig, so dunstig, so undurchsichtig. Ich befürchtete, nicht zu wissen, worauf alles hinauslaufen würde. Was hatte ich bloß getan, um in diese Situation zu kommen?

Eigentlich konnte ich nicht wirklich klar denken. Ich sah auf sie hinab, wie sie unter mir lag und wimmerte. „Glen“, sagte sie; kaum mehr als ein Flüstern. Ich konnte sie hören, konnte von ihren Lippen ablesen, die verblassten, und konnte aus ihren Augen lesen, die sich verdunkelten.

„Glen“, schluchzte sie, „Ich habe solche Angst.“

 

Es war Frühling.

Ich fühlte ihn in mir, in meinem Körper. Alles war so frisch, so neu, wie nach jedem endlosen, grauen Winter. Ich fühlte das Leben in mir pulsieren, wie es nach mir rief und mich aufweckte. Das brennende Verlangen schoss mir durch die Blutbahnen und fokussierte all meine Gedanken auf eine einzige Tätigkeit: Zu rennen.

Ich liebte es.

Der Wald war noch immer hell, da die Bäume noch kaum Blätter trugen. Doch der Frühling war bereits gekommen, mit seiner milden Wärme, und alles begann sich zu regen.

Ich rannte und ich liebte es.

Es bedeutete Freiheit.

 

Geschwindigkeit gefiel mir. Ich mochte, wie alles blitzschnell an mir vorbeizog, wie die Zeit, man konnte keinen Blick einfangen, alles verging und konnte nur aus den Augenwinkeln betrachtet werden. Und vor mir lag der Weg, das Ziel; mit Geschwindigkeit flog ich über die Straße hinweg.

Ich saß im Auto, der Fahrlehrer neben mir. Der Führerschein galt in meinem Freundeskreis schon fast als Statussymbol. Wir gingen auf eine öffentliche Schule, was in einer Stadt, in der es noch drei weitere, allerdings private und daher teure Schulen gab, nicht besonders vorzeigbar war. Deshalb bewiesen wir uns anderswo.

 

Im Theorieunterricht hatte ich meistens vor mich hingedöst. Die Praxis beherrschte ich auch so.

Aber es gab etwas, das meine Konzentration, wenn sie denn mal da war, auf sich zog: Das Mädchen, das im Theorieunterricht im winzigen Raum der Fahrschule schräg vor mir saß.

Gemeinsam lernten wir Vorfahrtsregeln, Geschwindigkeitsbegrenzungen und was bei der Nachtfahrt zu beachten war. Zum Beispiel, dass in einem Waldstück ein Reh auf die Straße laufen konnte, das sich nicht aus dem Scheinwerferlicht wegbewegen würde, bis man mit einem Hupen auf die Gefahr aufmerksam machte.

Niemals blickte sie sich zu mir um. Nur ihr Haarzopf baumelte oft hin und her, wenn sie die Haltung ihres Kopfes veränderte, und ihre Haare waren von einem rötlichen Braun, das mich an den vergangenen Herbst erinnerte. Nur ein einziges Mal, bevor ich sie wirklich kennenlernte, sah ich ihre Augen. Weit geöffnet starrten sie in meine Richtung, und obwohl sie mich nicht trafen, sah ich die große, braun angemalte Iris aufblitzen. Das Licht spiegelte sich in ihnen und ließ den Radius ihrer Pupille tanzen. Ob sie mich angesehen hatte oder nicht, zählte nicht: Ich konnte ihren Blick nicht mehr vergessen.

 

Heute war ich aufgeregt.

Ich saß im Auto und befolgte die Anweisungen meines Fahrlehrers. Aber deswegen schlug mein Herz nicht schneller, als wir an einer Kreuzung in eine Seitenstraße einbogen. Nein.

Am Ende der Straße, abgeschieden von der Stadt, wohnte sie. Ich hatte erfahren, dass sie auf dieselbe Schule ging wie ich, auch wenn ich sie dort noch nie gesehen hatte. Mein Puls raste, da sie die Fahrstunde nach mir hatte und ich so vielleicht die Chance bekam, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Ich kannte sie schon ein wenig besser. Jetzt war der Theorieunterricht zwar vorbei, aber es war tatsächlich oft so, dass ich sie aufgrund unserer Fahrzeiten traf.

Unser Fahrlehrer lehnte sich an die Motorhaube des Wagens und steckte sich eine Zigarette an. Ich lief die Auffahrt zum kleinen Häuschen hoch und klingelte bei ihr.

Kurz darauf öffnete sich die weiße Tür mit eingelassenen, viereckigen Glasscheiben und sie kam heraus. Ihr Gang hatte etwas Leichtes an sich, etwas Unbeschwertes, und ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie schien zu tanzen, sie bewegte sich mit solch einer wilden Anmut, dass mir der Atem stockte. Jedes Mal. Jedes Mal, wenn ich sie sah, schien die Zeit um mich herum stillzustehen. Jeden Glanz der Sonnenspiegelung auf ihrem Antlitz und den Sehnen ihres Halses nahm ich in mich auf wie überlebenswichtigen Sauerstoff und verfiel ihrer Eleganz.

„Hallo Jana“, begrüßte ich sie vorsichtig und traute mich kaum, ihr in die Augen zu sehen.

„Hallo Glen“, antwortete sie. Ihre Stimme war sehr hoch, und doch sehr angenehm. Zwar verletzlich und zart, und doch sehr fest und klar. Ich konnte ein Lächeln auf ihren rötlichen Lippen erkennen. „Wie geht es dir?“

Ich räusperte mich. In ihrer Nähe kam ich immer leicht in Versuchung, alles um mich herum zu vergessen. Ich musste mich konzentrieren, um nicht in Tagträumen zu verschwinden. „Sehr gut“, antwortete ich. Meine Stimme verriet, wie eingeschüchtert ich war. „Es wird Frühling.“

„Ja, nicht wahr?“, stimmte sie zu. „Alles blüht auf…“

Ich sah in das Braun ihrer Augen, in der das Schwarz tanzte, und lächelte vorsichtig. Ich wollte sie nicht erschrecken.

 

Der Sommer war gekommen und ich legte mich schräg gegen den Wind.

Die Geschwindigkeit berauschte meine Sinne, denn ich lebte, und spürte die Erregung in jedem meiner Glieder. Es ist schwer, den Zustand dieser vollkommenen Freiheit zu beschreiben; jemandem, der anders ist als ich.

Mit meinen Füßen berührte ich kaum den Boden. Ich war in einen Laufschritt verfallen, den mir niemand nachmachen konnte. Durch das Zusammenziehen und Auseinanderstrecken meines Körpers gewann ich an Stärke, an Schnelligkeit, und es war ein Leichtes, die Balance zu halten und nicht auf die Schnauze zu fallen.

Ich hätte lachen müssen, doch es war mehr ein Glückslaut, der aus meiner Kehle drang.

So schwer zu beschreiben; jemandem, der nicht verstand.

Ich war nicht wie sie.

Ich war frei.

 

Ich war mit meinen Freunden unterwegs. Der Sommer hielt lange in diesem Jahr. Viele von uns hatten den Führerschein bekommen, konnten damit endlich etwas vorweisen. Einschließlich mir.

Es bedeutete mir so viel, diese komische Karte zu besitzen, die so viel mehr auszusagen schien als das, was auf ihr verzeichnet war. Es war eine Fahrlizenz, auf der mein Name stand, und es bedeutete, sich schnell und ungebunden fortbewegen zu können.

Heute tranken wir nur bleifrei und hatten trotzdem viel Spaß.

Der Frühling lag schon lange hinter mir. Alles hatte sich verändert. Und doch war alles gleich geblieben. Ich war zu meinem ursprünglichen Zustand zurückgekehrt, mit nur einer einzigen Bereicherung; der besagten komischen Karte.

 

Als ich nachts nach Hause fuhr, da ich schon müde war und somit früher als meine Freunde aufgebrochen war, hätte ich mich daran erinnern sollen. Ich hätte bemerken sollen, dass es ein fataler Fehler war, zum Ursprung zurückzukehren und alles, was dazwischen gewesen war, zu vergessen. Die Straße unter mir sah aus wie ein Y; zuerst war ich den einen Weg gegangen, dann umgekehrt, um den anderen einzuschlagen.

Ich hatte vergessen, was geschehen war.

Ich hätte es beschreiben können, da es tatsächlich jemanden gegeben hatte, der so war wie ich.

 

Jana war in ihrem ganzen Wesen so schreckhaft wie ein Fluchttier. Als wir einmal an ihrem Haus vorfuhren und sie ihre iPod-Stöpsel im Ohr und uns den Rücken zugewandt hatte, tippte unser Fahrlehrer kurz auf die Hupe. Ihre Knie knickten ein und instinktiv spannten sich die Muskeln in ihren Beinen wieder an, sodass sie zur Seite wegsprengte. Als sie ihr Gesicht mit dem gereckten Kopf zu uns herumwarf und ihre Haare rotbraun um ihren Kopf herumflogen, sah ich sie aufblitzen: Die vor Angst geweiteten Augen.

Da wusste ich, was sie war, und ebenso sehr erschrak ich. Sosehr wir uns glichen, so sehr unterschieden wir uns auch voneinander. Wir waren Wildtiere. Sie war scheu wie ein Fluchttier, doch ich, ich war ein Räuber, der schnell und wendig wie ein Jagdhund mit Reißzähnen nach ihrer windumspielten Gestalt haschte.

 

Ich saß müde hinter dem Steuer und schaltete im kleinen Waldstück, das ich durchfuhr, das Fernlicht an, um besser sehen zu können. Um diese Uhrzeit kam sowieso kein anderes Auto vorbei.

 

Ich fletschte die Zähne und begann, zu jagen.

 

Plötzlich rauschte etwas durch das Gestrüpp direkt vor mir über die Straße. Doch das Reh wurde vom Licht geblendet und gefangen wie in einem Netz aus Angst und mit schreckerfüllten, weit aufgerissenen Augen hielt es in seinem Lauf inne und starrte mich an.

Ich konnte nichts tun. Ich war gefangen von ihrem Anblick und ich dachte, die Zeit steht still. Doch das tat sie nicht.

Ungläubig musste ich mit ansehen, wie mein Wagen das Reh mit sich riss. Endlich konnte ich bremsen, sodass er zum Stehen kam. Doch alles war verloren, denn ich hatte meine Reißzähne mit voller Wucht in Janas Lenden gejagt.

 

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