Abbys – 1. Kapitel

Die Beerdigung

Ich schüttelte ihn am Arm. Sein Blick wurde feindselig. Ich wusste nicht ob wegen mir oder wegen Alice.

„Charlie ist nicht da.“, sagte er kalt.

„Jacob!“, zischte ich leise. „Gib mir das Telefon!“

„Er ist auf der Beerdigung.“ Er beachtete mich gar nicht.

„Jacob, gib mir sofort das Telefon!“, sagte ich so laut, dass auch Alice es hören musste. Ich lehnte mich zum Telefon und griff danach. Zuerst schien es so, als würde Jacob es mir nicht geben wollen. Mit zweifelhaftem Blick nahm ich ihm das Telefon aus der Hand und hielt es mir ans Ohr.

„Hey Alice, was gibt’s?“, fragte ich. Eigentlich war ich ein wenig besorgt darüber, dass sie anrief – schließlich hätte sie auch einfach durchs Fenster zurückkommen können. Doch meine Stimme offenbarte vielmehr die Freude darüber, dass sie wieder hier in Forks war.

Alice schwieg lange. Ich hörte keinen Atemzug. Dann wurde aufgelegt.

Jacobs Blick war noch immer finster. Ich verdrehte innerlich die Augen. Warum musste er diese Anti-Vampir-Sache so ernst nehmen? Ich meine, das war Alice – meine Freundin Alice. Sie würde mir genauso wenig etwas tun wie Jacob selbst. Doch was sollte das dann? Warum hatte sie einfach aufgelegt?

Ich zuckte mit den Schultern, stellte das Telefon auf die Anrichte zurück und brachte ein paar Schritte Abstand zwischen mich und Jacob. Als ich ihm das nächste Mal ins Gesicht sah, erschrak ich darüber, welcher Gedanke sich mir eingeschlichen hatte. Wir hätten uns fast geküsst…!

Ich schüttelte den Kopf und bemerkte, dass mein Gesichtsausdruck todtraurig sein musste. Was tat ich Jacob an? Was tat ich mir selbst an? Könnte ich es mir je verzeihen, mich und ihn zu betrügen? Edward war der, den ich liebte. Doch auch die Liebe, die ich für Jacob empfand, konnte ich nicht in Worte fassen, denn nur, wenn ich bei ihm war, konnte ich besser über Edward nachdenken – und es tat nicht mehr ganz so schrecklich weh.

Und dann weinte ich schon wieder. Nein, ich wollte Jacob nicht verletzten. Ich wollte den Jacob, der immer zu mir hielt, der mich jetzt in die Arme schloss, der meinem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte, niemals verlieren! Und dies würde schwer werden, wenn wir mehr würden als nur Freunde. Eigentlich waren wir das schon, doch ein Paar zu sein? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

„Schhh, Bella“, flüsterte er mir ins Ohr und strich mir tröstend über den Rücken.

Es war mir egal, dass Jacob mich liebte. Ich konnte ihn nicht betrügen. Ich würde Edward immer mehr lieben. Wäre es dann nicht eine Lüge, Jacob zu sagen, dass ich ihn liebte?

„Bella?“ Jacob legte seine Hände wieder auf mein Gesicht und hob es so an, dass sich unsere Blicke begegneten.

„Jacob“, schluchzte ich leise, „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll!“

Jacob sah mich an, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Gesicht war starr, doch diese Starre verriet mir, dass er auch nicht weiter wusste. Seine faltige Stirn zeugte davon, dass er darüber nachdachte, was er in meiner Situation tun würde. Ich glaubte, er wusste es auch nicht.

So langsam konnte ich mich beruhigen. Obwohl ich heute schon genug Schlaf gehabt hatte, machte mich Jacobs angenehme Wärme und sein Streichen über meinen Rücken schläfrig. Als ich mich wieder gefasst hatte, sagte er, er müsse gehen. Er würde seinem Rudel die Neuigkeiten mitteilen.

„Mach’s gut, Jacob!“, sagte ich zum Abschied.

„Tschüs, Bella.“

„Jake?“, rief ich ihm nach. Er drehte sich um und sein Blick begegnete meinem so intensiv, dass ich für einen Augenblick lang vergaß, was ich ihm eigentlich sagen wollte. „Äh“, stotterte ich, „Ich… wollte dir nur sagen, dass ich es schade fände, wenn es jetzt wieder so wird wie vorher… also ich meine, als du dich… als du anders geworden bist. Bitte, Jake, ruf mich einfach an.“

Endlich zeigte er mir sein Lächeln. Er nickte und gab mir somit auch die Gewissheit, dass er das tatsächlich tun würde.

Jacob und die beiden anderen Werwölfe waren keine Viertelstunde lang fort, als Alice draußen vor der Balkontür stand und klopfte.

„Hi“, sagte ich. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Warum hatte Alice einfach aufgelegt?

Sie musterte mich mit einem fragenden Blick, als sie an mir vorbei ins Haus trat.

„Was ist los?“, wollte ich wissen.

„Das wollte ich dich auch gerade fragen…“, sagte sie.

Sie konnte mir vom Gesicht ablesen, dass ich nichts verstand. Sie lächelte entschuldigend.

„Alice, was ist denn los?“, wiederholte ich.

„Nichts“, antwortete sie mit ihrer Silberglockenstimme. Sie tanzte durch den Raum in Richtung Küche und obwohl sie versuchte, es mir nicht zu zeigen, konnte ich erkennen, wie sie schon wieder die Nase rümpfte.

Ich folgte ihr. Sie stand mit dem Gesicht zum Küchenfenster gewandt und ihre Hände hatte sie in die Hosentaschen geschoben. Ich lehnte mich hinter ihr an die Küchenplatte und verschränkte die Arme.

„Warum hast du aufgelegt?“, fragte ich sie, als sie nichts sagte.

„Ich hätte nicht gehen sollen“, sagte sie leise, fast mehr zu sich selbst als zu mir. Als sie sich zu mir umdrehte, sah sie fast noch bleicher aus als sonst. Ihre braun gefleckten Augen blinzelten. „Wenn die Werwölfe in meiner Nähe sind, kann ich unsere Zukunft nicht sehen“, sprach sie weiter.

Ich überlegte, was sie mir sagen wollte, doch ich hatte keine Idee, was das sein könnte. Ungeduldig wackelte ich mit dem Fuß hin und her. Ihr Blick huschte so schnell zu meinen Zehen und wieder auf mein Gesicht, dass mir schwindelig wurde. Sie war ein Vampir, Jacob war ein Werwolf – warum musste ausgerechnet ich diejenige sein, die nichts Besonderes war?

„Es tut mir leid, dass ich gegangen bin, Bella. Jacob ist ja fast noch ein Kind…“

„Was hat das damit zu tun?“, hakte ich nach. Ich wurde immer ungeduldiger.

Ihr Blick klärte sich, als erwache sie aus einem Traum. „Er ist fast noch ein Kind, und er wusste nicht, was das Beste für dich ist!“

Ich erschrak. Alice hatte ich fast noch nie so aufgebracht erlebt.

„Wie konnte er nur… Warum hat er nicht… Wieso? Oh mein Gott, das macht mich verrückt!“

Ich löste meine Arme voneinander und trat auf Alice zu, um ihr meine Hände beruhigend auf die Schultern zu legen, doch sie schüttelte sie ab.

„Ich habe nicht aufgelegt“, sagte Alice und sah mich vorsichtig an. „Das war Edward.“

Ich erstarrte. Ich war wie in ihrer Darlegung gefangen. Edward, Edward, Edward… Meine Gedanken rasten. Meine Augen verengten sich, als mir ein drittes Mal an diesem Tag die Tränen in die Augen schossen – Tränen vor Angst, Trauer und Zorn – und mein Atem ging schnell. Dann gaben meine Beine unter mir nach. Alice war schnell genug, um mich mit ihren steinernen Händen aufzufangen. Mein Luftholen wurde fast panisch, blind vor Tränen schlug ich wild um mich. Alice ertrug dies wortlos. Sie brachte mich ins Wohnzimmer und legte mich auf das Sofa, auf dem ich letzte Nacht geschlafen hatte.

„Edward“, keuchte ich, und auf einmal schmerzte wieder alles. Meine Lunge und mein Hals wegen dem Meersalz. Meine Verletzungen vom Motorradfahren. Mein Herz in meiner Brust… Doch am schlimmsten war das Loch, das weiter aufriss denn je, da ich mich so sehr nach Edward sehnte wie am ersten Tag, nachdem er gegangen war.

„Oh Alice!“, schluchzte ich und hielt mich nicht zurück. Sofort kam sie wieder zu mir ans Sofa getreten, da ich nun nicht mehr um mich schlug, und ich schlang meine Arme um ihre Schultern.

„Ich wollte es dir nicht erzählen“, sagte Alice leise in mein Ohr. Sie bettete mein Gesicht in ihre Halsbeuge und versuchte, mich zu trösten. Obwohl sie viel gefühlvoller war, gelang es ihr nur halb so gut wie Jacob. Doch das lag wohl auch eher am Grund, warum ich so durcheinander war.

„Ich musste es einfach tun“, fuhr Alice fort. „Wenn Jacob es dir früher oder später erzählt hätte – ich weiß nicht, wie du reagiert hättest. Und wie er reagiert hätte. Er hat sich ja kaum unter Kontrolle! Er ist so jung, so unerfahren, so –“

Das Zittern, das mir durch den ganzen Körper fuhr, unterbrach sie.

„Es tut mir so leid, Bella.“ Ihre samtweiche Stimme tat mir gut. Doch sie war nichts im Vergleich zu der Stimme, die ich jetzt hören wollte. Egal, welchen Teil ich von Edward zurückhaben könnte – ich würde mein Leben dafür geben.

Nur noch ein einziges Mal seinen Geruch einatmen. In seine Augen blicken. Ihn in der Sonne sehen. Ihn berühren. Seine Stimme hören. Seinen Atem. Nur ein einziges Mal noch… Doch ich hatte vergessen, dass er gegangen war, um niemals wiederzukommen.

Ich musste daran denken, was die Clearwaters jetzt fühlen mussten. Harry war von ihnen gegangen. Er hatte Sue verlassen. Doch er hatte sich nicht verabschiedet, so wie Edward, und er hatte es nicht aus freiem Willen getan – ich glaubte, für Sue war es sogar noch schlimmer als für mich, von dem am meisten geliebten Menschen verlassen worden zu sein.

Plötzlich fühlte ich mich wieder hysterisch und pubertär. Ich weinte, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hatte. Viel schlimmer war es doch für Sue, da Harry gestorben war. Es fühlte sich für mich so an, als wäre mein Schmerz so unwichtig und unverständlich, dass ich wieder zusammenzuckte. Ich konnte einfach nicht anders, als so aufgelöst und ergriffen zu weinen. Nein, mich hatte nur mein Freund verlassen. Doch das schlimme daran war, dass mit ihm auch das Leben gegangen war, für das ich mich entschieden hatte. Meine ganze Zukunft hatte ich darauf abgestimmt, für immer und ewig mit Edward zusammen zu sein. Allmählich sollte ich wissen, dass keine Geschichte so endete wie im Märchen.

Edward war gegangen. Er hatte mich zurückgelassen. Jacob konnte sehen, wie allein ich war. Charlie konnte hören, wie ich nachts im Schlaf schrie. Doch nur Alice konnte erahnen, wie es war, das „Für immer“ zu verlieren, da sie bereits selbst diese Ewigkeit kannte.

Vor meinem inneren Auge sah ich, wie die Trauergäste versammelt um Harrys Grab standen. Da war Billy, in seinem Rollstuhl, daneben Jake, Sam… Sue und ihre Kinder standen an der Grabesöffnung. Sie weinten. Sues Blick war erstarrt. Sie konnte es nicht fassen und war selbst fast wie tot. Ich konnte sie so gut verstehen…

Sue warf den Blumenstrauß, den sie in der Hand gehalten hatte, hinab in das tiefe, tiefe Grab. Gedanklich tat ich es ihr gleich. Doch ich warf nicht nur Blumen hinab auf Harrys Sarg – nein. In diesem Augenblick begrub ich das Leben, das ich mir ausgemalt hatte, meine Zukunft, als Edward noch Teil von ihr war. Ich warf sie hinab in die Tiefe und beerdigte dieses Leben. Ich gab auf. Der Schmerz hatte gewonnen.

Ich hob den Blick und mein Unterbewusstsein tat wahre Wunder: In weiter Entfernung konnte ich eine weitere Gestalt ausmachen, die um Harry trauerte: Edward. Stumm stand er da, mein Engel, sagte Harry Lebwohl – auf seine Art. Und auch ich verabschiedete mich – von Edward.

Es war nicht das erste Mal, dass mir das Herz zerbrach. Doch das Hoffen darauf, dass es Edward besser ging als mir, machte es erträglicher.

Nichts desto trotz riss ich meine Augen auf, nun wieder in der Realität, machte mich von Alice los und stürmte ins Bad, um mich zu übergeben.

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